...werde ich mir nun diese Geschichte hier, nachdem ich sie lang' genug gedreht, gewendet und erzählt habe.
Als ich am vorigen Freitag in Wind und Wetter mit meiner Freundin den Gemeindebrief austrug, bekam ich auf dem Handy einen Anruf von der Schule. Die Sekretärin bat mich, M. abzuholen. Als ich ihn am Telefon hatte, erzählte er weinend, dass er von einem Klassenkameraden, Y., nach dem Sportunterricht in der Umkleide gewürgt worden ist. Zunächst mit der Hand am Hals gegen die Wand, dann im Schwitzkasten. Sehr schlimm war auch, dass alle anderen Jungen nur zusahen. Erst J., der als letzter in die Umkleide kam, griff sofort ein, befreite M. und ging mit ihm zur Sportlehrerin.
Ich habe dann mit M. auf dem Schoß im Sekretariat gesessen und wir haben beide geweint. Mir kommen jetzt noch die Tränen. Seine Klassenlehrerin, Frau A., kam dazu und versicherte mir, dass die Schule sofort in dem Sinne aktiv geworden ist, dass ein solcher Übergriff nicht geduldet wird, sprich, einen Tadel erteilt (der ein vollwertiges Rechtsmittel ist!) und Y.'s Eltern hinzuzieht.
Jedenfalls ließ ich mir im Sekretariat gleich die Unterlagen für eine Unfallanzeige mitgeben (ich habe M. später gesagt, dass das kein "UNFALL" war und Versicherungen bloß keine gescheiteren Formulare haben) und zu Hause legte ich M. erst mal auf die Couch. Er klagte über ein Druckgefühl am Kehlkopf und Bauchweh (wie auch nicht?!) und war einverstanden, zum Arzt zu fahren. Erst mal haben wir aber ein bisschen durchgeatmet, und ich habe ihm eindringlich erklärt, dass er, was immer er gesagt oder getan hat, niemals Schuld ist an diesem Angriff. Er hat mir versichert, er habe nur 'rumgealbert und gar nicht mal Y. gemeint damit. Er habe so getan, als hätte er seine eigene Hand nicht mehr unter Kontrolle und diese wolle ihn erwürgen und daraufhin sei Y. auf ihn losgegangen. Ich glaube ihm das genau so, wie er das erzählt hat.
Es ist noch am Freitag in der Klasse darüber gesprochen worden, aber M. hat auch gesagt, dass er seiner Lehrerin nicht erzählt hat, wie schlimm er fand, dass ihm niemand geholfen hat. Inzwischen weiß Frau A. das aber. Und ich habe M. erzählt, dass es ja vielleicht auch sein könnte, dass die anderen viel zu erschrocken waren, sozusagen vor Schreck erstarrt. Y. hat keine Erklärung geben können und sich nach M.'s Empfinden sehr widerwillig entschuldigt. Ich selbst habe Y. nicht gesprochen noch gesehen.
Zu Hause jedenfalls hatte ich einiges zu telefonieren, die Sprechstundenhilfe von unserem Hausarzt sagte mir, ich solle direkt ins Krankenhaus fahren. Meine gleich nebenan wohnende Schwägerin hatte frei und hat mir sehr geholfen. Nachdem also der Waffelteig einen Weg zu J. und dem Weihnachstmarkt fand (wo ich mit ihm hätte stehen und Waffeln für einen guten Zweck verkaufen sollen), mein Schwiegervater später seinen Enkel von dort abholte und B. von der Mutter einer Klassenkameradin vom Schulbus abgeholt werden konnte, hatte ich den Kopf frei ;)
Im Krankenhaus waren wir zuerst in der chirurgischen Ambulanz, dann bei einer sehr netten Kinderärztin, die ganz auf M. eingegangen ist. Sie hat seinen Kehlkopf mittels Ultraschall untersucht und wir haben sehr viel mit ihr über alles gesprochen. M. fing immer wieder zu weinen an. Aber als wir mit den Untersuchungen soweit fertig waren, hatten wir beide ordentlich Hunger und gingen erst mal in die Kantine des Krankenhauses. Da ging es ihm insgesamt schon ein bisschen besser.
Als ich dann schließlich mit allen Kindern wieder zu Hause war, war's auch schon Zeit, mit den selbstgebackenen Plätzchen zum Adventlesen aufzubrechen. M. wollte zu Hause bleiben und J. sich um ihn kümmern. Da Grejazi ohnehin wenig später nach Hause kam, war es für mich in Ordnung, die beiden allein zu lassen - auch wenn ich da jetzt beim Hinschreiben ein Störgefühl habe. Übers Wochenende haben Grejazi und ich auch immer wieder über den Vorfall gesprochen.
Abends hatte ich dann den Eindruck, dass es M. so gut ging, wie es nach einem solchen Erlebnis überhaupt gehen kann. Ich jedenfalls war so voller Adrenalin, dass ich dann doch noch bis spät zu einem geselligen Abend zu Freunden ging.
Am Samstag haben wir zusammen ein neues Fahrrad für M. gekauft, das war ohnehin für diesen Tag geplant. Sonntag hatten wir dann J.'s Geburtstagsfeier mit der Familie und M. war über Mittag auf einem Geburtstag eines Klassenkameraden, auf dem auch andere Jungen aus seiner Klasse eingeladen waren. Y. aber nicht. Ich glaube, dass die Jungen M. auch noch sehr aufgebaut haben, insofern traf sich das gut, dass sie vor dem Montag alle nochmal zusammen sprechen konnten.
Ich habe auch mit beiden Jungs über mögliche Rachegelüste gegenüber Y. gesprochen und beide waren da sehr verständig. In der Schule wird noch ein weiteres Gespräch stattfinden.
Die Geschichte ist mir sehr nahe gegangen und ich sehe, dass es Zeit gebraucht hat, sie zu verdauen. Wieviel mehr Zeit braucht M.?
Die vollkommene Krönung des Ganzen ist, dass M. gestern mit Tränen in den Augen aus der Schule kam, weil er beim
Wichteln Y.'s Namen gezogen hat. Dass er diesen aber auf der Weihnachtsfeier der Klasse beschenkt, kommt überhaupt gar nicht in Frage. Da müssen nun die Lehrer 'ran.